Dämonen • Demons

 (english version below)

 

 "Vielleicht ist das Schreckliche im Grunde das Hilflose,

das von uns Hilfe will."

 

Über dieses Zitat von Rainer Maria Rilke bin ich heute gestolpert, und es hat so einiges an Gedadanken ausgelöst. 

   

 

Nicht nur, dass ich voll und ganz mit dieser Aussage übereinstimme, nein, sie erinnert mich auch an eine Praktik namens Chöd, welche bei den schamanischen tibetanischen Heilern sehr verbreitet war.

 

Chöd ist die Auseinandersetzung mit unseren Dämonen und beruht auf der Einsicht, dass wir alles, was wir bekämpfen, nähren. Wenn wir uns stattdessen damit auseinandersetzen, es annehmen, für was es ist, kann es zu einem Verbündeten werden.

 

Da wir heute keine Zeit haben (bzw uns keiner beigebracht hat, uns diese auch zu nehmen), machen wir ganz viele Sachen nicht bis zum Ende. Wir fühlen nicht zu Ende, wir denken nicht zu Ende. Viele unserer inneren Bewegungen werden nur kurz bemerkt und dann ganz tief unter dem Lärm von Aussen begraben. Beim Chöd (ausgesprochen: "Tschöd") geht es darum, sich eben nicht von aussen ablenken zu lassen, sondern all die innerlich vermuteten Dämonen anzuschauen, zu spüren, und sie so zu verinnerlichen, anstatt sie als etwas Schlechtes abzustossen.

 

Wie Carl Gustav Jung schon sagte;

"Wie soll ich denn ganz sein, wenn ich meine Schatten nicht ausleben darf?"

Und nein, damit meinte er nicht, dass es okay ist, ein Kind zu schändigen. Er meinte damit, dass sich niemand mit dem, der in Zukunft Kinder schändet, hingesetzt hat, um mit ihm seine inneren Dämonen zu klären. Wäre dies geschehen, würde er ganzheitlicher verstehen und das (höchstwahrscheinlich ihm selbst widerfahrene) Trauma nicht der nächsten Generation weitergeben. Aber dafür gibts ja keine Zeit - wir müssen funktionieren, nicht fühlen oder denken. Es ist dem System egal, ob es uns gut geht - solange wir arbeitsfähig sind. Und sonst gibts ja tausende von Pillen die jegliche Symptomatik ersticken, ohne dem Problem auf den Grund gegangen zu sein. Die Praxis des Chöd beruht darauf, dass wir nicht krank werden, wenn unser Geist gesund ist, deshalb bezieht sich die mit dieser Technik einhergehende Heilung auf die geistige und seelische Ebene.

 

Ich hatte sehr lange Zeit in meinem Leben mit schweren Depressionen zu kämpfen. Ich wollte nicht hier sein, in dieser schrecklich kalten Welt, umgeben von Menschen, die in sich selbst verloren sind und durch dieses Leid noch viel gewaltigeres Leid in die Welt hinausprojizieren. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich den Umgang mit diesen Gefühlen gelernt hatte, doch sie waren immer noch nicht geheilt, da selbst die Psychotherapie die wahren Fähigkeiten des Geistes verkennt, gründet sie doch auf einer differenzierenden statt einer ganzheitlichen Ansicht des menschlichen Seins.

 

Als mir dann mit dem Buch von Tsültrim Allione, "Den Dämonen Nahrung geben", die moderne Variante des Chöd in die Hände fiel, erkannte ich den Fehler in allen vergangenen Selbstheilungsversuchen; ich wollte die Dunkelheit immer wegdrücken, sie unsichtbar machen - ich bekämpfte sie mit allen mir nur möglichen Mitteln, was sie mit jeder Schlacht stärker werden liess. Es kostete mich sehr viel Mut, die im erwähnten Buch beschriebene Technik anzuwenden, unter anderem auch, weil ich nicht wirklich an ihren Erfolg glaubte.

 

Ich setzte mich also hin, vor mir ein zweites Kissen, auf dem der Dämon Platz nehmen sollte. Langsam ging ich in mich hinein, atmete tief ein und aus, und sagte dem Dämon der nagenden Unsicherheit, der Selbstkritik und den negativen Gedankenmustern, er solle sich bitte als Gefühl zeigen.

 

Kalt lief es mir den Rücken herunter, meine Haut begann, sich schleimig anzufühlen. Ich fühlte mich grau und glitschig und total unliebenswert. Dann bat ich den Dämon, auf dem leeren Kissen mir gegenüber Platz zu nehmen, damit ich ihn nicht nur fühlen, sondern auch sehen konnte.

 

Mein Gott, war er hässlich!

Tausende Narben vergangener Kämpfe durchzogen seine schleimige Haut, Furchen und Warzen waren überall, wo die Narben nicht hinreichten. Er keuchte, konnte kaum atmen, und seine Augen waren so traurig - erschöpft, müde, und doch so unendlich wütend war der Ausdruck, der in seinem Blick lag.

 

Meiner Anleitung folgend, fragte ich den Dämon: "Was willst du von mir?" 

 

Er antwortete: "Ich will dich leiden sehen, für den Rest deines Lebens. Zerstören will ich dich, langsam in meinem Schleim ertränken und dir genau so tiefe Wunden zufügen, wie du mir zugefügt hast!"

 

Ich war in meinem tiefsten Sein erschüttert ob seiner Bosheit, folgte aber dennoch weiter meiner Anleitung, indem ich fragte: "Was brauchst du denn von mir?"

 

Da fiel dieser Berg aus Schleim schluchzend in sich zusammen, und flüsterte, zitternd wie Espenlaub, ganz leise: 

"Bitte, hab mich lieb. Hab mich lieb, auch wenn ich hässlich bin. Hab mich lieb, auch wenn ich schleimig bin und rotzig und voller Narben und alter Wunden. Nimm mich in die Arme, wenn ich schreie, denn meine Schreie sind Hilferufe - sie klingen nur sehr brutal, weil ich ja immer fordernder werden musste, um mir Gehör zu verschaffen. Bitte, bitte, liebe mich, mich, die ich alle Seiten von dir darstelle, die du nicht so gerne magst wie andere - die unsichere Seite, die ängstliche Seite, die traurige Seite, die wütende Seite, sie alle haben ihren Platz in dir! Jede Emotion ist gut, wenn man sie kanalisieren kann. Aber dies kann man nur, wenn man sie versteht, wenn man sich mit ihr auseinandergesetzt hat. Also bitte, bitte, hab mich lieb, und bitte, bitte, kämpf nicht mehr gegen mich an - ich bin ein Teil von dir! Dir wurde beigebracht, alles zu bewerten, zu beurteilen, weil man das ja auch mit dir gemacht hat - aber wir alle enthalten Licht und Schatten: es ist die Balance der Beiden, die uns als Schöpfer unserer eigenen Realität wahrhaftig werden lässt."

 

Ich habe danach stundenlang geweint, und nach einigen Wiederholungen des Rituals wurde aus dem hässlichen Monster ein wunderschönes kleines Mädchen. Irgendwann erkannte ich, dass sie mein inneres Kind ist - sie ist jetzt meine Verbündete.

 

Jedem steht der Weg des Chöd offen, aber keiner muss ihn begehen - es geht mir bei dieser Offenlegung darum, auch mal andere Wege der Heilung (ergo zur Ganzheit) aufzuzeigen, die keines äusseren Meisters benötigen, um angewendet zu werden.

 

Es liegt alles in uns - wir brauchen nur ein paar Wegweiser,

der Rest erledigt sich von selbst.

 

Schliessen möchte ich diesen Gedadankengang mit einem weiteren Zitat von C. G. Jung:

  

"Erleuchtung besteht nicht darin, sich Gestalten aus Licht vorzustellen, 

sondern darin, sich der Dunkelheit bewusst zu werden."

 

 

 

DEMONS

 

"Perhaps the terrible is basically the helpless that wants help from us."

Today I stumbled upon this quote from Rainer Maria Rilke, and it has caused a lot of Dadaistic thoughts in me.

 

Not only that I fully agree with this statement, no, it also reminds me of a practice called Chöd, which was very common among the shamanic Tibetan healers. Chöd is the confrontation with our demons and is based on the insight that we nourish everything we fight. If we instead deal with it, accept it for what it is, it can become an ally.

 

Since we have no time today (or no one has taught us how to take it), we do not do a lot of stuff until the end. We do not feel finished, we do not think over. Many of our inner movements are noticed only briefly and then buried deep under the noise of the outside world. The Chöd (pronounced "Tschöd") is about not being distracted from the outside, but looking at all the inside suspected demons, to feel, and to internalize them, rather than rejecting them as something bad.

 

As Carl Gustav Jung already said;

"How am I supposed to be whole if I'm not allowed to outlive my shadow?"

And no, he did not mean that it's okay to rape a child. He meant that no one has sat down with the one who will disgrace children in the future to clarify his inner demons with him. If this had happened, he would understand his wounds more holistically and not pass on the (most likely self-inflicted) trauma to the next generation. But there's no time for that - we have to work, not feel or think. It does not matter to the system whether we are doing well - as long as we are able to work.

And otherwise there are thousands of pills that stifle any symptoms without healing the initial wound, the root of the problem. The practice of Chöd is based on the fact that we do not get sick when our mind is healthy, so the healing that comes with this technique refers to the mental and emotional levels.

 

I have been struggling with severe depression for a very long time in my life. I did not want to be here, in this terribly cold world, surrounded by people who are lost in themselves and through their suffering project even more tremendous suffering out into the world. It took me many years to learn how to deal with these feelings, but they still were not healed, for even psychotherapy misunderstands the true faculties of the mind, as it is based on a differentiating instead of a holistic view of human existence.

 

When, with the book by Tsultrim Allione, "Feeding your Demons", the modern variant of the Chöd fell into my hands, I recognized the error in all past self-healing attempts; I always wanted to push the darkness away, make it invisible - I fought it with all possible means, which made it stronger with each battle. It took a great deal of courage to apply the technique described in this book, partly because I did not really believe in its success.

 

So I sat down, in front of me a second pillow on which the demon should sit down. Slowly, I dug in, breathing in and out, telling the demon of nagging uncertainty, self-criticism, and negative thought patterns to please show itself as feeling.

Cold ran down my back, my skin started to feel slimy. I felt gray and slippery and totally unlovable. Then I asked the demon to sit down on the empty cushion opposite me, so that I could not only feel, but also see it.

 

My God, was he ugly!

Thousands of scars from past struggles pervaded his slimy skin, furrows and warts were everywhere, where the scars were not enough. He was panting, barely able to breathe, and his eyes were so sad - exhausted, tired, yet so infinitely angry was the expression that lay in his gaze.

 

Following my instructions, I asked the demon, "What do you want from me?"

 

He replied, "I want to see you suffer for the rest of your life, I will destroy you,

drown you slowly in my slime, and inflict on you as deep wounds as you have done to me!"

 

I was shocked deeply by his malice, but still following my guidance, I asked: "What do you need from me?"

 

Then this mountain of mucus fell down sobbing, and whispered, trembling like aspen leaf, very softly:

"Love me, even if I'm ugly, love me, even if I'm slimy and spiteful and full of scars and old wounds, hold me in your arms when I scream, because my screams are cries for help. They only sound very brutal, because I had to become more and more demanding to make myself heard. Please, please, love me, me, which I represent all the sides of you that you do not like as much as others - the uncertain side, the anxious side, the sad side, the angry side, they all have their place in you! Every emotion is good if you can channel it, but you can only do that if you understand it, if you have dealt with it. So, please, please, love me, and please, please, do not fight me anymore - I'm a part of you, you've been taught to rate everything, to judge, because it was done to you, too - but we all contain light and shadow: it is the balance of both which makes us, as creators of our own reality, become true."

 

I cried for hours afterwards, and after a few repetitions of the ritual, the ugly monster turned into a beautiful little girl.

At some point I realized that she is my inner child - she is my ally now.

 

Everyone has access to the practice of Chöd, but no one has to commit to it - for me this disclosure is about showing other ways of healing (ergo wholeness) for which no outside master is needed.

 

It's all inside of us - we just need a few signposts and the rest will be done by itself.

 

I want to close this Dadaistic thought excursion with another quote from C. G. Jung:

 

"Enlightenment is not about imagining figures of light, but about illuminating the darkness."

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