Baum Sein • Like a Tree

 (english version below)   

 

Wie ein Baum steh ich hier

ächzend unter der Last all meiner alten Blätter

und doch noch zu ängstlich, 

um sie gehen zu lassen.

 

 

Ich blicke gen Himmel, 

schaue den Vögeln beim Fliegen zu

und erkenne, 

dass nur das Loslassen meiner Last

mich wieder zum Alten,

mich wieder zum Tanzenden macht.

 

 

Jeden Tag ein bisschen mehr

vertraue ich dem Wind,

der mich manchmal sanft umstreicht,

manch anderes Mal an mir zerrt und reisst.

 

 

  

Der Kopf flüstert: 

"Dieser Wind will dir nichts Gutes. 

Er reisst dich in Stücke, bis du verblutest, 

wenn er dir dein Blattgewand nimmt - 

was bist du noch, wenn nicht deine Blätter, 

die da so schön schaukeln im Wind? 

Darunter nur braun Geäst und Nacktheit, 

wer will denn schon dein Inneres sehen, 

sich mit deiner Blösse abgeben?"

 

Doch der Wind antwortet, 

seine Stimme meinem Herz entsprungen:

"Dieser Kopf will dir nichts Gutes. 

Voll mit Sorge macht er dich, 

gibt dir das Gefühl, in der Kontrolle zu sein,

und darum wehrst du dich gegen 

den Fluss des Lebens,

bis du vor lauter Festhalten verblutest.

Dabei bist du es, der den Fluss bestimmt,

sobald du dich auf deine Essenz besinnst.

Deine Nacktheit macht dich echt; 

entblösse ruhig dein braun Geäst! 

Neue Blätter werden erst geboren, 

wenn du dich dem Alten hast entschworen."

 

Und so kommt doch noch der Tag, 

an dem ich Loszulassen vermag. 

Heut und jetzt, 

in der heissesten Hitze des Gefechts, 

habe ich zu meinem inneren Kreis gefunden.

Geheilt sind die alten Wunden, 

ihre Narben zeichnen wundersame 

Zeichen in meine Haut, 

und ich erkenne auf's Neue, 

dass jeder sich sein eigen Schicksal erbaut.

 

Da kommt der Wind wieder, 

heute sanft und doch bestimmt, 

und ich übergebe ihm sanft

jedes einzelne Blattkind.

 

Auf dass mein Loslassen

die anderen Welten befreit

und meine Kinder zu Humus werden,

auf dem eine neue Welt gedeiht.

 

Und ich, von alter Sorge entbunden,

zurückkehren darf zu meinem Ursprungslied -

habe es schon so oft vergessen

und doch immer wieder gefunden.

 

 

 

LIKE A TREE

 

I stand here like a tree

groaning under the weight of all my old leaves

and yet too timid

to let them go.

 

I'm looking towards heaven

watch the birds fly

and recognize

that only letting go of my load

will bring me back to the old,

will make me dance again.

 

With every day a little more

I trust this wind;

it sometimes sweeps me gently,

other times shakes me up and leaves me in tears.

 

The head whispers:

"This wind does not wish you well.

It tears you apart until you bleed to death

if it takes away your leaf robe -

what are you, if not your leaves,

which are swinging so well in the wind?

Only brown branches and nudity.

Who wants to see your inside,

deal with your nakedness?"

 

But the wind answers,

his voice coming straight out of the universal heart:

"This head does not wish you well.

It worries about you,

gives you the feeling of being in control

and that's why you resist lifes natural flow

until you bleed to death.

It is you who determines the river,

as soon as you remember your essence.

Your nudity makes you real;

quietly bare your brown branches!

New leaves will be born

once you have escaped the old."

 

And so the day is coming

and I can let go.

Today and now,

in the hottest heat of the battle,

I found my inner circle.

Healed are the old wounds,

their scars are wondrous signs in my skin,

and I recognize anew

that everyone builds their own destiny.

 

Here comes the wind again,

gentle today, yet determined

and I gracefully give him

every single one of my leaf childs.

 

May my letting go

free the other worlds

and may my children become humus

on which a new world thrives.

 

And I, relieved of old definition,

may return to my original song -

I've forgotten it so many times

but have always found it all over again.

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